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Über das Anschauen und Draufschauen

  • 7. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Gedanken über Kunst, Feminismus und die Macht des Blicks.


"Über das Anschauen und Draufschauen" ist als eine Reihe über Kunstgeschichte, feministische Perspektiven angelegt und dreht sich um die Frage, wie Kunst unseren Blick auf Frauen – und auf uns selbst – prägen.


Ein Gemälde weiblicher Selbstermächtigung

Vor fast 15 Jahren schrieb ich meine Bachelorarbeit über ein Gemälde von Diego Velázquez: Die Venus mit Spiegel. Damals faszinierte mich vor allem eine Beobachtung: Fast alle berühmten Venusdarstellungen der Kunstgeschichte zeigen Frauen auf ähnliche Weise. Sie liegen. Sie schlafen. Sie präsentieren ihren Körper. Sie sind den Blicken des Beobachters ausgeliefert. Und diese Scham wird den Frauen buchstäblich ins Gesicht gemalt.


 Diego Velázquez, The Toilet of Venus ('The Rokeby Venus'), 1647-51, Oil on canvas, 122.5 × 177 cm
Diego Velázquez, The Toilet of Venus ('The Rokeby Venus'), 1647-51, Oil on canvas, 122.5 × 177 cm

Velázquez' Venus dagegen macht etwas Unerwartetes. Sie wendet dem Betrachter den Rücken zu.

Und gleichzeitig blickt sie ihn über einen Spiegel an. Sie ist keine verängstigte Venusgestalt. Sie ist dem Blick nicht ausgeliefert. Im Gegenteil: Sie entscheidet, wie viel sie dem Betrachter zeigen möchte.


Und je mehr ich mich mit dem Gemälde beschäftigte, umso mehr lernte ich über die Macht der Blicke und stolperte zum ersten Mal über den Begriff "Male Gaze".


Der männliche Blick - The Male Gaze?

Der Begriff Male Gaze wurde 1975 von der britischen Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey geprägt. In ihrem berühmten Essay Visual Pleasure and Narrative Cinema beschreibt sie, dass Frauen in Film und Kunst häufig aus einer männlichen Perspektive dargestellt werden – nicht als handelnde Personen, sondern als Objekte der Betrachtung.


Interessanterweise wurde dieser Gedanke bereits einige Jahre zuvor vom Kunstkritiker John Berger formuliert. In seinem Buch Ways of Seeing schreibt er:

"Men act and women appear. Men look at women. Women watch themselves being looked at."

Männer handeln. Frauen erscheinen. Männer betrachten Frauen. Frauen beobachten sich selbst dabei, wie sie betrachtet werden.


Dieser Satz hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Denn der Male Gaze beschreibt weit mehr als eine bestimmte Art, Bilder zu malen. Er beschreibt eine gesellschaftliche Perspektive.



Der Blick ist niemals neutral

In vielen Museum begegnen uns unzähligen nackten Frauenkörper. Ob Göttinnen, Nymphen oder Mägde. Sie liegen auf Samtdecken, baden in Flüssen oder schlafen friedlich in idyllischen Landschaften. Auf den ersten Blick scheint das selbstverständlich. Auch weil sich eine gewisse Gewöhnung einstellt. Doch schaut man genauer hin, fällt etwas auf: Die Frauen handeln selten.

Sie werden betrachtet. Sie sind Objekt und nicht handelndes Subjekt.


In meiner Bachelorarbeit habe ich mich intensiv mit verschiedenen Venusdarstellungen beschäftigt. Dabei fiel mir auf, dass ihre Weiblichkeit häufig erst durch den Blick des Betrachters entsteht.

Damals formulierte ich:

"Die Weiblichkeit der Venus existiert für den Betrachter. Sie wird durch dessen Blick überhaupt erst konstruiert."

Heute, mit meiner Erfahrung, einer ADHS Diagnose und einer reinkickenden Perimenopause, gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und sage: Wer bestimmt, wie wir auf Frauen schauen, bestimmt oft auch, wie Frauen lernen, auf sich selbst zu schauen.



Kunst prägt Realität – und Realität prägt Kunst

Kunst entsteht nie im luftleeren Raum. Sie spiegelt gesellschaftliche Vorstellungen wider – und trägt gleichzeitig dazu bei, sie zu festigen. FYI: ein Grund warum ich Kunst mache.


Wenn Frauen über Jahrhunderte hauptsächlich als schöne, schweigende und passive Körper dargestellt werden, beeinflusst das auch unseren Blick außerhalb des Museums. Es geht dabei nicht darum, dass ein einzelnes Gemälde verantwortlich wäre. Sondern darum, dass sich über Jahrhunderte bestimmte Bilder wiederholen.

Frauen werden betrachtet. Sie werden nicht angeschaut. Es wird auf sie drauf gegschaut. Sie werden bewertet und dementsprechend dargestellt.


Und irgendwann beginnen Frauen, diesen Blick selbst zu übernehmen. Und es geht nicht mehr darum, wie sie sich fühlen, sondern wie sie aussehen, wie sie auf ein (meist männliches) Gegenüber wirken.


Die feministische Philosophie beschreibt dieses Phänomen als Form der Selbstobjektivierung. Der Blick anderer wird verinnerlicht und beeinflusst langfristig unser Körpergefühl, unser Selbstwertgefühl und sogar unser Verhalten. Auch neuere Arbeiten der feministischen Phänomenologie beschäftigen sich mit genau dieser Erfahrung und zeigen, wie sehr gesellschaftliche Normen unser leibliches Erleben prägen.


Warum mich Velázquez bis heute fasziniert

Für mich, stellt dieses Gemälde eine andere Seite von Weiblichkeit dar. Diese Venus liegt nicht einfach nur dar. Sie ist dem Blick nicht ausgeliefet. Sie nimmt den Betrachter wahr. Und sie schaut zurück. Der in den anderen Venusdarstellungen einseitige Blick wird zu einem Blickdialog. Und so hatte ich es damals auch in meiner Bachelorarbeit formurliert:

"Indem Venus dem Blick des Betrachters nicht nur gewahr wird, sondern ihm auch noch standhält und ihn erwidert, wird auch der Betrachter selbst zum Objekt ihres Blickes."

Das verändert die Machtverhältnisse. Der Betrachter ist nicht länger nur derjenige, der schaut.

Er wird selbst angeschaut. Und genau das macht dieses Bild für mich bis heute so besonders.


Ob Velasquez meine Interpretation gemocht hätte oder ihr zugestimmt hätte? Wahrscheinlich nicht. Aber ich kann dieses Gemälde nicht anders sehen. Und heute verstehe ich...


...warum mich dieses Bild so berührt hat

Lange dachte ich, ich hätte eine Bachelorarbeit über ein Gemälde geschrieben. Heute glaube ich, dass ich eigentlich eine Frage untersucht habe, die mich bis heute begleitet: Wer bestimmt unseren Blick auf Frauen? und ja, ich meine unseren Blick. Also den von Frauen auf andere Frauen und sich selbst. Und den Blick von Männern auf Frauen aber auch hier auf sich selbst. Auf das was weiblich und was männlich ist.


Und gleichzeitig die Frage: Was passiert, wenn Frauen beginnen, zurückzublicken und sich losgelöst vom fremden, gesellschaftlichen Blicken anschauen, statt auf sich draufzuschauen.


Diese Frage ist heute für mich etwas ganz Persönliches. Denn heute, mit Abstand und einer frischen ADHS Diagnose ist mir bewusst geworden, dass ich gerne diese Venus gewesen wäre. Die, die zurückblickt. Und nicht diejenige, die sich anpasst, funktioniert und sich immer wieder den Bedürfnissen des jeweiligen Betrachters anpasst.


Warum das etwas mit meiner Kunst zu tun hat

Wenn ich heute Vulven, Uteri oder Brüste male, dann geht es mir nicht darum, weibliche Körper einfach nur darzustellen. Ich möchte den Blick wie wir weibliche Körper betrachten verändern. Weg von einem von Scham, Kontrolle und gesellschaftlichen Erwartungen durchdrugenem Draufschauen hin zu einem Anschauen. Lösgelöst von allem.


Um etwas eigenes zu sehen. Etwas Kraftvolles. Etwas, dessen Bedeutung nicht von außen bestimmt wird sondern von uns selbst.


Und vielleicht beginnt genau dort feministische Kunst. Nicht, indem sie neue Wahrheiten schafft.

Sondern indem sie Raum für neue Perspektiven öffnet.


Quellen:


Primärquellen:

  • Mulvey, Laura (1975): Visual Pleasure and Narrative Cinema.

  • Berger, John (1972): Ways of Seeing.

  • Beauvoir, Simone de (1949): Das andere Geschlecht.

  • Foucault, Michel (1975): Überwachen und Strafen.


Feministische Phänomenologie

  • Landweer, Hilge / Marcinski, Agnieszka (Hrsg.): Feministische Phänomenologie – Leib und Erfahrung. (transcript Verlag, 2016)


Kunstgeschichte

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