Mythen über den weiblichen Körper - TEIL 2
- 6. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Das Märchen vom wandernden Uterus
Und wie alle Märchen beginnt auch diese hier mit: Es war einmal...
… ein Königreich, in dem fast alle wichtigen Bücher von Männern geschrieben wurden. Und weil sie vieles über den weiblichen Körper nicht erklären konnten, erfanden sie Geschichten.
Eine dieser Geschichten handelte von einem geheimnisvollen Wesen, das tief im Körper jeder Frau lebte: dem Uterus.
Man(n) erzählte sich, der Uterus sei eigensinnig und unberechenbar. Er könne durch den Körper wandern – wie ein kleines Wesen auf der Suche nach seinem Platz. Mal steige er bis zum Herzen empor, mal drücke er auf die Lunge, mal verwirre er den Geist. Und wann immer eine Frau traurig, wütend, laut, erschöpft oder einfach nicht so war, wie man sie sich wünschte, nickten die Gelehrten wissend:
„Der Uterus ist wieder unterwegs.“
Sie gaben dieser Geschichte sogar einen Namen: Hysterie – abgeleitet vom griechischen Wort hystera für Gebärmutter.
Jahrhundertelang glaubten viele lieber an die Geschichte eines wandernden Organs, als Frauen Schmerzen, Gefühle oder einen eigenen Willen zuzugestehen. Doch jedes Märchen verliert irgendwann seine Macht. Nämlich dann, wenn Menschen beginnen, Fragen zu stellen.
Und als sich Anatomie, Medizin und später auch Frauen selbst intensiver mit dem weiblichen Körper beschäftigten, wurde schnell klar: Der Uterus wandert nicht.
Was blieb, war jedoch ein Mythos, dessen Folgen Frauen noch viele Jahrhunderte zu spüren bekamen.

Der Faktencheck
Tatsächlich haben sich die alten Ägypter (ca. 1900–1500 v. Chr.) schon vom wandernden Uterus erzählt. Bekannt gemacht hat es dann aber Hippokrates (5. Jahrhundert v. Chr.) und Platon und Galen haben die Geschichte dann schön weiterverbreitet - die alten Tratschtanten! Und so verbreitete sich das Märchen vom wandernden Uterus, der durch den Körper von Frauen wandert wie ein Lauffeuer. Und immer wenn eine Frau sich nicht so "benahm", wie man(n) es sich wünschte, schob man es auf den Uterus, der einfach nicht zur Ruhe kommen wollte und bei Frauen unter anderem Atemnot, Ohnmacht, Angstzustände, Krämpfe und Halluzinationen verursachte.
All das, ohne auch nur einen einzigen wissenschaftlichen Beleg.
Fast noch absurder als die Theorie selbst war ihre vermeintliche Behandlung.
Man(n) stellte nämlich auch noch die steile These auf, der Uterus Gerüchen folgen und sich so "anlocken" lasse. Mit angenehmen Düften im Genitalbereich solllte er wieder "nach unten" gelockt und mit unangenehmen Gerüchen an Mund und Nase von dort "vertrieben" werden.
Und auch wenn das alles heute grotesk und unvorstellbar klingt, trug diese Theorie dazu bei, Frauen über Jahrhunderte als irrational, emotional instabil und medizinisch wenig glaubwürdig darzustellen. Beschwerden von Frauen wurden häufig nicht ernst genommen, sondern vorschnell als "Hysterie" abgetan.
Im 16. und 17. Jahrhundert begannen Anatomen, die Vorstellung eines wandernden Uterus zu widerlegen. Spätestens im 18. und 19. Jahrhundert war klar: Der Uterus wandert nicht.
Doch damit verschwand das Problem nicht. Die Idee vom wandernden Organ wurde zwar aufgegeben, die Diagnose "Hysterie" blieb jedoch bestehen. Nun galt nicht mehr die Gebärmutter als Ursache, sondern die weibliche Psyche.
Frauen wurden weiterhin als besonders emotional, irrational oder psychisch labil angesehen. Viele körperliche Beschwerden, Schmerzen oder Erschöpfungszustände wurden psychologisiert, anstatt ernsthaft untersucht zu werden.
Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwand der Begriff "Hysterie" nach und nach aus der Medizin. Seine Auswirkungen sind jedoch bis heute spürbar. Denn noch immer werden Frauen mit Schmerzen oder anderen Beschwerden nicht ernst genommen oder vorschnell als "überempfindlich", "ängstlich" oder "psychisch belastet" eingeordnet.
Warum ich darüber schreibe
Mich fasziniert an dieser Geschichte nicht nur ihre Absurdität.
Mich beschäftigt vor allem die Frage, wie lange Geschichten unser Bild vom weiblichen Körper prägen können. Wenn über Jahrhunderte fast ausschließlich Männer Medizin, Wissenschaft und Kunst gestalten, entstehen zwangsläufig blinde Flecken. Weil niemand die Erfahrungen derjenigen einbringt, über die gesprochen wird.
Vielleicht geht es deshalb gar nicht nur um den wandernden Uterus.
Und ich frage mich: Wer erzählt eigentlich die Geschichten über unsere Körper?
Ich glaube, es wird Zeit, dass wir diese Geschichten selbst weiterschreiben.
Quellen:
Hippocratic Corpus
Galen, On the Usefulness of the Parts
Helen King: Hysteria Beyond Freud
Rachel Maines: The Technology of Orgasm (mit Vorsicht zu einzelnen historischen Aussagen)
Thomas Laqueur: Making Sex
Roy Porter: The Greatest Benefit to Mankind













Kommentare