Nipplegate
- 13. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Warum Brustwarzen politisch sind – und Brüste nie nur Brüste waren
Männliche Brustwarzen gehören ganz selbstverständlich zum öffentlichen Raum. Weibliche Brustwarzen dagegen werden bis heute als Problem behandelt. Stillende Frauen werden noch immer schräg angeschaut und wenn Schwimmbäder Frauen das Baden oben ohne erlauben, gehen Männer und Frauen gleichermaßen auf die Barrikaden. Das Argument ist fast immer dasselbe: Die weibliche Brust müsse bedeckt werden, weil sie provoziere.
Dabei unterscheidet sich die weibliche Brust anatomisch kaum von der männlichen. Trotzdem gilt die eine als harmlos, während die andere regelmäßig gesellschaftliche Debatten auslöst.
Wann genau wurde eine Brustwarze eigentlich politisch?
Als Kunsthistorikerin beschäftige ich mich seit Jahren mit dem Blick auf den weiblichen Körper. Und genau dieser Blick ist über Jahrhunderte überwiegend von Männern geprägt worden. Das Problem ist deshalb nicht die Brust selbst, sondern die Bedeutung, die ihr zugeschrieben wurde.
Denn Frauenbrüste hatten lange Zeit ganz unterschiedliche Funktionen und Symboliken. Sie standen für Fürsorge, Fruchtbarkeit, Göttlichkeit oder Mutterschaft. Erst nach und nach wurde der weibliche Körper immer stärker auf seine erotische Wirkung reduziert. Nicht, weil sich die Brust verändert hätte, sondern weil sich der Blick auf sie verändert hat.
Ein besonders schönes Beispiel dafür ist die Maria Lactans, die stillende Maria. In mittelalterlichen Darstellungen begegnet uns ihre entblößte Brust ganz selbstverständlich. Sie sollte weder provozieren noch verführen, sondern Nahrung, Leben und göttliche Fürsorge symbolisieren. Auch in der Antike wurden Göttinnen mit entblößter Brust dargestellt – als Zeichen von Fruchtbarkeit, Schönheit oder Macht. Die Brust war ein Symbol. Kein Skandal.
Im Laufe der Jahrhunderte verschob sich diese Bedeutung jedoch. Mit Renaissance und Barock entstanden immer mehr Frauenakte, die überwiegend von Männern geschaffen wurden. Die Brust wurde zunehmend Teil eines weiblichen Schönheitsideals und immer häufiger aus der Perspektive eines männlichen Betrachters inszeniert. Laura Mulvey beschrieb dieses Phänomen später als Male Gaze – einen Blick, der Frauen in Kunst und Film häufig zu Objekten macht, die betrachtet werden, anstatt selbst Subjekte zu sein.
Vielleicht erklärt das auch, warum wir Brüste bis heute so selbstverständlich bewerten. Sie scheinen ständig entweder zu groß oder zu klein, zu fest oder zu weich, zu natürlich oder zu operiert zu sein. Kaum ein anderer Körperteil wird so häufig kommentiert wie die weibliche Brust. Dabei erfüllen Brüste zunächst einmal eine biologische Funktion. Alles andere – unsere Vorstellungen von Schönheit, Erotik oder Anständigkeit – sind kulturelle Zuschreibungen.
Lass mal mit dem Blick spielen
Auch meine Serie Boobalicious setzt genau hier an. Die Arbeiten sind bewusst abstrakt. Es sind schwebende, runde Farbformen, bei denen Brustwarzen und Brusthöfe allein durch den natürlichen Verlauf der Aquarellfarben entstehen. Sie entziehen sich einer eindeutigen Lesart. Sind es Brüste? Oder sind es einfach Formen?

Mich interessiert genau dieser Moment der Unsicherheit.
Denn er zeigt, wie sehr unser Blick geprägt ist. Wir erkennen Brüste oft selbst dort, wo sie nur angedeutet werden. Nicht, weil wir das bewusst entscheiden, sondern weil wir gelernt haben, den weiblichen Körper auf eine bestimmte Weise zu betrachten. Unsere Wahrnehmung ist sozialisiert – und sie ist bis heute stark von patriarchalen Vorstellungen beeinflusst.
Die weibliche Brust ist deshalb nicht das Problem. Das Problem ist die Bedeutung, die wir ihr zuschreiben. Und es wird Zeit, diese Bedeutung zu erweitern. Brüste dürfen nähren, trösten, altern, krank werden, sichtbar sein, Kunst sein oder einfach nur existieren, ohne bewertet zu werden. Erst wenn wir aufhören, sie ausschließlich als sexuelles Objekt zu betrachten, können wir beginnen, sie wieder als das zu sehen, was sie immer waren: ein Teil des menschlichen Körpers – mit unzähligen Geschichten.
All boobs are boobiful.
Hier findest du meine Boob Art.
Du möchtest mehr erfahren?
Literatur
Margaret R. Miles – A Complex Delight: The Secularization of the Breast, 1350–1750
Laura Mulvey – Visual Pleasure and Narrative Cinema
Marina Warner – Alone of All Her Sex (zur Darstellung der Maria in Kunst und Kultur)
Künstlerinnen
Judy Chicago
Mickalene Thomas
Sarah Lucas













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