top of page

Reframing Virtue

  • 13. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

How to (Needle) Punch the Patriarchy

Die Idee, Vulven zu sticken, kam mir, nachdem ich im Radio zufällig einen Beitrag über Jane Austen hörte. Darin wurde eine Briefsammlung von ihr vorgestellt und die Frage gestellt: Worüber würde Jane Austen heute schreiben?


Vulva Stickerei in antikem ovalen Rahmen

In meinem Kopf begann sofort ein kleines Gedankenexperiment. Plötzlich saß Jane Austen in meinem Wohnzimmer auf dem Sofa, umringt von ihrer Familie, einen Stickrahmen in der Hand. Während alle glaubten, sie sticke Blumen oder Monogramme, entstanden unter ihren Händen heimlich filigrane Vulven. Dazu lächelte sie dieses leicht süffisante Lächeln, als wüsste sie genau, dass sie gerade etwas tat, das sich eigentlich nicht gehörte.


Sticken als leise Rebellion gegen ein System, das Frauen über Jahrhunderte von den großen Bühnen der Kunst ausschloss.


Dieses innere Bild ließ mich nicht mehr los. Vielleicht, weil es so wunderbar absurd erscheint. Ganz sicher aber, weil es mich daran erinnerte, wie eng der Raum war, in dem sich weibliche Kreativität über Jahrhunderte bewegen durfte.



Feministische (Textil)kunst verdient Raum

In A Room of One's Own schreibt Virginia Woolf

"A woman must have money and a room of her own if she is to write fiction."

Gemeint war damit weit mehr als ein Raum mit vier Wänden. Woolf beschreibt die materiellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, die kreative Arbeit überhaupt erst ermöglichen: Zeit, finanzielle Unabhängigkeit und die Freiheit, nicht ständig den Erwartungen anderer entsprechen zu müssen. Ihr Essay erschien 1929, und doch fühlt sich diese Beobachtung bis heute erstaunlich aktuell an.


Denn auch wenn Frauen sich in den vergangenen Jahrzehnten viele dieser Räume erkämpft haben, sind sie keineswegs selbstverständlich geworden. Manche verändern lediglich ihre Form. Heute sind es nicht mehr nur physische Räume, sondern auch digitale. Wer gesehen wird, wer Reichweite bekommt und welche Stimmen sichtbar bleiben, ist längst wieder Teil gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse.


Zu Jane Austens Zeiten existierten diese Räume für Frauen jedoch kaum. Wenn sie kreativ sein wollten, dann möglichst im Privaten und vorzugsweise mit Handarbeit. Nähen, Sticken oder Häkeln galten als Ausdruck weiblicher Tugend. Sie waren geduldig, leise, häuslich und vor allem nützlich. Ein kunstvoll besticktes Tischtuch zeigte Geschick, Fleiß und Bescheidenheit – Eigenschaften, die Frauen zugeschrieben und gleichzeitig von ihnen erwartet wurden.


Kreativität war durchaus erwünscht. Solange sie im Wohnzimmer blieb und nützlich war.


Während Männer an Akademien studierten, öffentliche Aufträge erhielten und ihre Werke signierten, arbeiteten Frauen häufig mit Nadel und Faden. Ihre Arbeiten wurden geschätzt, aber selten als Kunst verstanden. Die Grenze verlief nicht zwischen Talent und Talentlosigkeit, sondern zwischen öffentlicher und privater Kreativität.



Handarbeit meets Feminismus

Genau mit dieser Geschichte wollte ich spielen. Ich wollte eine Technik, die traditionell als leise, dekorativ und nützlich gelesen wird, laut und herrlich un-nützlich machen. Die Punch-Needle-Technik ist eine Form der Stickerei – also genau jenes Medium, das über Jahrhunderte als Inbegriff weiblicher Häuslichkeit galt. Gleichzeitig trägt sie einen Namen, der kaum passender sein könnte: Punch.

Das Wort klingt nicht nach stiller Handarbeit. Es klingt laut, direkt und fast widerspenstig.

Natürlich schlage ich mit meiner Punch Needle nicht buchstäblich gegen das Patriarchat. Aber ich mag die Vorstellung, dass ausgerechnet eine traditionelle Handarbeit heute dazu dient, Vulven, Brüste und Uteri sichtbar zu machen.


Denn genau hier verändert sich die Bedeutung des Mediums. Dieselbe Technik, mit der einst Blumenmuster, Monogramme oder Zierbordüren entstanden, erzählt plötzlich andere Geschichten. Sie fragt, warum eine Rose als dekorativ gilt, eine Vulva jedoch als provokant. Warum eine bestickte Tischdecke selbstverständlich erscheint, solange sie den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht – und warum dieselbe Tischdecke Irritation auslöst, sobald sie weibliche Anatomie zeigt.


Für mich ist das keine Provokation um der Provokation willen. Es ist vielmehr eine Einladung, über unsere Vorstellungen von Kunst und Handwerk nachzudenken. Warum unterscheiden wir bis heute zwischen „hoher Kunst“ und „Frauenhandarbeit“? Warum gilt Öl auf Leinwand als bedeutender als ein sorgfältig gearbeitetes Textil? Und wer entscheidet eigentlich darüber?


Vielleicht besteht der eigentliche Perspektivwechsel darin, dieselben Materialien zu verwenden und ihnen eine neue Bedeutung zu geben. Nicht gegen die Geschichte der Handarbeit, sondern mit ihr. Denn ich sehe in Nadel und Faden keine Symbole weiblicher Unterordnung. Ich sehe Werkzeuge. Werkzeuge, mit denen Frauen über Jahrhunderte Schönheit geschaffen haben – oft unter Bedingungen, die ihnen kaum andere Ausdrucksmöglichkeiten ließen.



Meine Feministische Textilkunst

Meine textile Serie trägt den Titel Punch the Patriarchy. Nicht, weil ich glaube, dass eine Punch Needle das Patriarchat zu Fall bringt. Sondern weil ich die Idee mag, dass ausgerechnet eine Technik, die Frauen jahrhundertelang auf den häuslichen Raum beschränkte, heute dazu genutzt werden kann, genau diese Geschichte neu zu erzählen.


Und während ich diesen Text schreibe, gefällt mir das Bild von Jane Austen in meinem Wohnzimmer immer besser. Nicht, weil ich glaube, dass sie tatsächlich Vulven auf Tischdecken gestickt hätte. Sondern weil ich glaube, dass sie verstanden hätte, warum es heute jemand tut.


Weiterlesen

Kommentare


bottom of page