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Späte ADHS-Diagnose bei Frauen – Warum sich das Leben oft wie die Welt hinter den Spiegeln anfühlt

  • 7. Juli
  • 2 Min. Lesezeit

Warum sich das Leben mit ADHS manchmal anfühlt, als würde man nach anderen Regeln spielen.


Viele Frauen mit einer späten ADHS-Diagnose beschreiben das Gefühl, ihr Leben lang mehr Kraft aufbringen zu müssen als andere. Lange wusste ich nicht, warum mir genau dieses Zitat aus Alice hinter den Spiegeln so aus dem Herzen sprach.

„Now, here, you see, it takes all the running you can do, to keep in the same place. If you want to get somewhere else, you must run at least twice as fast as that!“

In dem zweiten Teil klettert Alice aus Neugierde durch einen großen Spiegel über dem heimischen Kamin und stellt fest, dass die Welt dahinter spiegelverkehrt und nach eigenen, skurrilen Gesetzmäßigkeiten funktioniert. Alice trifft schließlich wieder auf die Königin und sie machen ein Wettlauf. Danei rennen sie wie wild Hand in Hand los. Völlig außer Atem halten sie schließlich an und Alice stellt voller Erstaunen fest, dass sie sich keinen Zentimeter vom Fleck bewegt haben. Und stellt fest, dass das dort, wo sie herkommt anders ist. Dort kommt man vorwärts, wenn man rennt. Die Königin ist wenig überrascht. Denn sie lebt in dieser Spiegelwelt und weiß, dass normales rennen in der Spiegelwelt nichts bringt und man mindestens doppelt so schnell rennen muss, um ans Ziel zu kommen.


Frau im Spiegel

Als junges Mädchen machte mich das sehr traurig und ich wusste, wie Alice sich fühlte. Man strengt sich an und kommt nicht von der Stelle, während in der anderen "Welt" alle an einem vorbeiziehen.



Als plötzlich alles Sinn ergab

Wer, wie ich, spät mit ADHS diagnostiziert wurde, fühlt diesen Satz wahrscheinlich genauso sehr wie ich. Denn auch ich bin mein Leben lang mit doppelter Geschwindigkeit gerannt, nur um in einer Welt voranzukommen, die ganz anderen Gesetzmäßigkeiten folgt als MEINE neurodivergente Welt. Mein Gehirn funktioniert anders - ganz vereinfacht ausgedrückt.

Und das ist für mich persönlich vielleicht die größte Veränderung, die eine späte ADHS-Diagnose mit sich gebracht hat: Nicht plötzlich ein anderer Mensch zu werden, sondern endlich zu verstehen, warum man so lange versucht hat, in einer Welt mitzurennen, die nach anderen Regeln funktioniert. Und mir einfach "nur" das pasende Rüstwerk gefehlt hat. Dass es nicht darum geht schneller zu rennen, sondern darum nach meinen eigenen Regeln zu spielen. Oder vielleicht geht es gar nicht darum, der Spiegelwelt zu entkommen. Sondern den Ort zu finden, an dem ihre Regeln nicht mehr gelten.


Rückblickend gab es für mich einen Ort, an dem das zum ersten Mal passiert ist: mein Kunstgeschichtsstudium. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich laufen konnte – und mich dabei tatsächlich vorwärts bewegte, ohne doppelt so schnell rennen zu müssen. Dass ich einer Spur folgen durfte, die sich nach meiner eigenen anfühlte.


Damals schrieb ich meine Bachelorarbeit über ein Gemälde, das mich vom ersten Moment an in seinen Bann zog. Lange dachte ich, mich hätte daran einfach die kunsthistorische Fragestellung fasziniert.


Heute glaube ich, dass mich etwas ganz anderes daran berührt hat. Aber dazu erzähle ich euch ein anderes Mal mehr.

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